24
Die Religion stellt den Versuch des Erwachsenen dar, ein Kind zu bleiben. Sie ist das Sich-Einkapseln in die Glaubenswelt der Vergangenheit, in die Mythologie, die aus vertrauensvollen Mutmaßungen über das Universum besteht, Erklärungen von Menschen, die nach persönlicher Macht streben ... all das vermischt mit Fragmenten der Erkenntnis. Und immer wieder lautet ihr ultimativer, unausgesprochener Befehl: »Du sollst keine Fragen stellen.« Aber wir stellen Fragen und ignorieren diesen Befehl aus ganz natürlichen Gründen. Denn die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, besteht darin, die Vorstellungskraft zu befreien und die Ketten zu zerreißen, die den Menschen an der Entfaltung seiner Kreativität hindern.
Credo der Bene Gesserit
Lady Margot Fenring war eine schöne Frau, die auf einer trostlosen Welt gefangen saß, aber sie beklagte sich weder über die Kargheit des Lebens noch über die extreme Hitze oder den Mangel an Luxus in der staubigen Garnisonsstadt. Arrakeen lag in einer harten Salzpfanne. Im Süden begann die unbewohnbare Wüste, und im Nordwesten zeigten sich felsige Erhebungen einschließlich des zerklüfteten Schildwalls. Da die Ansiedlung einige Kilometer nördlich der Wurmlinie lag, war sie niemals von den großen Sandwürmern der Wüste angegriffen worden – obwohl die Wurmlinie keineswegs eine klar definierte Grenze war. Wenn sich nun etwas verändert hatte? Das Leben auf dem Wüstenplaneten konnte niemals völlig sicher sein.
Margot dachte an die Schwestern, die für die Missionaria Protectiva gearbeitet hatten und auf dieser Welt verschollen waren. Vor langer Zeit waren sie auf Befehl ihrer Mutter Oberin in die Wüste aufgebrochen, dann hatte man nie wieder etwas von ihnen gehört.
Arrakeen stand unter der Herrschaft der Wüste ... der Trockenheit und der überragenden Bedeutung des Wassers, der furchtbaren Stürme und der Legenden von Gefahr und Überleben. Margot spürte an diesem Ort eine große Abgeklärtheit und Religiosität. Hier konnte man weit entfernt vom wahnsinnigen Treiben am imperialen Hof in Ruhe über Natur, Philosophie und Religion meditieren. Hier hatte sie Zeit für viele Dinge – und Zeit, sich selbst zu erfahren.
Was hatten die verschollenen Frauen gefunden?
Im zitronengelben Schimmer der Dämmerung war sie auf einen Balkon der Residenz getreten. Feiner Staub filterte das Licht der aufgehenden Sonne und verlieh der Landschaft ein verändertes Gesicht. In den tiefen Schatten verbargen sich unbekannte Geschöpfe. Sie sah, wie ein Wüstenfalke zum sonnengetränkten Horizont flog und mit minimalem Kraftaufwand die Flügel bewegte. Der Sonnenaufgang war wie ein Gemälde der großen Meister, eine Orgie aus Pastellfarben, vor denen sich deutlich die Dächer der Stadt und der Schildwall abzeichneten.
Irgendwo da draußen lebten die rätselhaften Fremen in zahllosen Sietches, die sich in felsigen Einöden verbargen. Sie hatten die Antworten, die Margot benötigte, die lebenswichtigen Informationen, die sie auf Anweisung von Mutter Oberin Harishka beschaffen sollte. Hatten die Wüstennomaden die Lehren der Missionaria Protectiva angenommen, oder hatten sie die Botinnen einfach getötet und ihr Wasser genommen?
Hinter ihr lag das kürzlich fertig gestellte Treibhaus, dessen Luftschleuse nur von ihr persönlich geöffnet werden konnte. Graf Fenring, der zu dieser Stunde noch schlief, hatte ihr geholfen, die exotischsten Pflanzen des Imperiums zu beschaffen. Doch nur ihre Augen durften sich daran erfreuen.
In letzter Zeit hatte sie Gerüchte gehört, in denen es darum ging, dass die Fremen von einem grünen Arrakis träumten – ein typisches Beispiel für die Paradiesmythen, wie sie häufig von der Missionaria Protectiva verbreitet wurden. Das konnte ein Hinweis auf die vermissten Schwestern sein. Andererseits war es nichts Ungewöhnliches, wenn ein Volk, das in einer rauen Umwelt ums Überleben kämpfte, Träume von einem Garten Eden entwickelte – auch ohne Anregung durch die Bene Gesserit. Es wäre interessant gewesen, mit dem Planetologen Kynes über diese Geschichten zu reden, ihn vielleicht zu fragen, wer dieser mysteriöse ›Umma‹ der Fremen sein mochte. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie all diese Dinge zusammenhingen.
Der Wüstenfalke nutzte die Aufwinde, um immer höher zu steigen.
Margot nahm einen Schluck Melange-Tee aus einer kleinen Tasse. Sie spürte, wie sich die beruhigende Wärme der Gewürzessenz in ihrem Mund ausbreitete. Obwohl sie schon seit zwölf Jahren auf Arrakis lebte, nahm sie das Gewürz nur in geringen Dosen zu sich. Sie achtete sorgsam darauf, dass ihre Abhängigkeit nicht so groß wurde, dass sich ihre Augenfarbe veränderte. Am frühen Morgen jedoch verstärkte die Melange ihre Fähigkeit, die natürliche Schönheit von Arrakis wahrzunehmen. Sie hatte gehört, dass Melange niemals den gleichen Geschmack hatte, dass sie wie das Leben war, das sich ebenfalls laufend veränderte ...
Veränderung war ein Schlüsselbegriff, wenn man diese Welt und die Fremen verstehen wollte. Oberflächlich betrachtet wirkte Arrakis stets gleich, eine Wüste, die sich über endlose Weiten und bis in alle Ewigkeit erstreckte. Aber in Wirklichkeit war die Wüste viel mehr. Margots Haushälterin, die Fremen Shadout Mapes, hatte eines Tages zu ihr gesagt: »Arrakis ist nicht, was es scheint, Mylady.« Faszinierende Worte ...
Manche behaupteten, die Fremen seien fremdartig, feindselig und faul. Außenstehende neigten zu Vorurteilen und Zuspitzungen, da sie sich keine Mühe gaben, die einheimische Bevölkerung wirklich zu verstehen. Für Margot jedoch hatte die Fremdheit der Fremen etwas Faszinierendes. Sie wollte alles über ihren unbändigen Freiheitsdrang wissen, wollte verstehen, wie sie dachten und wie sie hier überleben konnten. Wenn sie besser mit ihnen vertraut war, konnte sie ihre Aufgabe effizienter erfüllen.
Dann würde sie die Antworten finden, nach denen sie suchte.
Durch das Studium der Fremen, die in ihrem Anwesen arbeiteten, hatte Margot kaum merkliche Charakteristika ihrer Körpersprache, ihrer Sprechweise und ihres Körpergeruchs identifizieren können. Wenn die Fremen etwas zu sagen hatten und der Meinung waren, dass man es hören sollte, dann sagten sie es. Andernfalls gingen sie mit gesenktem Kopf fleißig ihren Aufgaben nach, um anschließend wieder mit dem Hintergrund ihrer Kultur zu verschmelzen und so unauffällig wie ein einzelnes Sandkorn in der Wüste zu werden.
Da sie endlich Antworten erhalten wollte, hatte Margot überlegt, ob sie unumwunden ihre Fragen stellen sollte, ob sie nach Informationen über die verschollenen Schwestern verlangen sollte, in der Hoffnung, dass die Haushaltsdiener ihre Fragen in die Wüste trugen. Aber sie wusste, dass die Fremen einfach verschwinden würden, weil sie sich niemals zu etwas zwingen ließen.
Vielleicht sollte sie sich ihnen von ihrer verletzlichen Seite zeigen, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Anfangs wären die Fremen sicher schockiert, dann verblüfft ... und schließlich vielleicht bereit, mit ihr zu kooperieren.
Meine einzige Pflicht gilt der Schwesternschaft. Ich bin eine loyale Bene Gesserit.
Aber wie sollte sie unaufdringlich und ohne Misstrauen zu erregen mit den Fremen kommunizieren? Sie überlegte, ob sie eine Nachricht verfassen und an einem Ort hinterlegen sollte, wo sie zweifellos gefunden wurde. Die Fremen waren stets wachsam und sammelten heimlich Informationen.
Nein, Margot musste subtil vorgehen und diese Menschen gleichzeitig respektvoll behandeln. Sie musste mit Lockungen und Verführungen arbeiten.
Dann fiel ihr eine seltsame Praxis ein, die sie aus ihren Weitergehenden Erinnerungen kannte ... oder hatte sie während ihres Studiums auf Wallach IX darüber gelesen? Wie dem auch sei, auf Altterra hatte eine Kultur namens Japan existiert, die auf ausgeprägten Ehrbegriffen basierte. Dort hatte es die Tradition gegeben, Ninja-Assassinen zu mieten, um sich aus juristischen Verstrickungen zu befreien. Wer die Dienste der im Verborgenen arbeitenden Killer in Anspruch nehmen wollte, musste vor eine bestimmte Wand treten und den Namens des Opfers sowie ein Preisangebot flüstern. Obwohl sie unsichtbar blieben, hörten die Ninjas alles, sodass ein Vertrag geschlossen werden konnte.
Auch hier in der Residenz hörten die Fremen alles.
Margot warf das blonde Haar über die Schultern zurück, lockerte ihr glattes, kühles Gewand und trat in den Korridor vor ihren Arbeitszimmern. Im riesigen Anwesen waren selbst in den frühen Morgenstunden überall Menschen unterwegs, um aufzuräumen und zu putzen.
Margot stand im Innenhof und blickte zur hohen Wölbung der Decke hinauf. Sie wusste, dass die Architektur der alten Residenz ein Flüstergewölbe bildete. Irgendwer würde sie irgendwo hören. Sie wusste nicht, wer es sein würde, und sie wollte es auch gar nicht wissen.
Sie sprach mit leiser, gerichteter Stimme. »Die Bene-Gesserit-Schwestern, die ich hier vertrete, haben den größten Respekt vor der Kultur der Fremen. Und ich bin sehr an Ihren Angelegenheiten interessiert.« Sie wartete, bis die leisen Echos verklungen waren. »Wenn jemand mich hört – ich kann Ihnen vielleicht Informationen über den Lisan al-Gaib anvertrauen. Aspekte, von denen Sie noch nichts wissen dürften.«
Der Lisan al-Gaib, die ›Stimme der Außenwelt‹, war ein Fremen-Mythos über eine Messiasgestalt, einen Propheten, der verblüffende Parallelen zu den Plänen der Schwesternschaft aufwies. Offenbar hatte eine frühere Repräsentantin der Missionaria Protectiva diese Legende angeregt, um die Ankunft des Kwisatz Haderach der Bene Gesserit vorzubereiten. Solche Vorbereitungen waren auf zahllosen Welten des Imperiums getroffen worden. Margots Andeutung würde zweifellos die Neugier der Fremen wecken.
Sie sah einen flüchtigen Schatten, ein dunkles Gewand, lederartige Haut.
Als sie im weiteren Verlauf des Tages die Fremen-Angestellten bei ihrer Haushaltsarbeit beobachtete, hatte Margot den Eindruck, dass sie nicht mehr wie bisher den Blick ihrer völlig blauen Augen niederschlugen, sondern sie mit neuem Interesse musterten und prüften.
Mit der nahezu unerschöpflichen Geduld einer Bene Gesserit wartete sie ab.